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Arbeitsgruppe "Biographien"

Lange Zeit galt in der modernen, strukturgeschichtlich orientierten Geschichtswissenschaft – dies trifft vor allem auf die 1960er und 1970er Jahre zu – die biographische Forschung als überholt.1  Zu den Kritikern eines biographischen Ansatzes gehörte sowohl der Historiker Jürgen Kocka als auch Hans-Ulrich Wehler.2  Mit Beginn der 1980er Jahre vollzog sich jedoch ein allmählicher Wandel, ein wieder erwachtes Interesse am Einzelindividuum trat zu Tage.3  Universitätshistoriker wie Christian Meier mit seiner Biographie über Julius Caesar (1982) aber auch Lothar Galls Bismarckstudien (1980) trugen zur Aufwertung der Biographie innerhalb der Geisteswissenschaften bei.4 In den letzten zwanzig Jahren erlebte das Genre der Biographien in der Geschichtswissenschaft jedoch eine Renaissance. Besonders über die Alltags- und Wissenschaftsgeschichte gelangt die Biographie wieder zurück in den fachlichen Diskurs; aber auch die klassische Politikerbiographie hat wieder Konjunktur. Aufsätze, Sammelbände und ein interdisziplinär angelegtes Handbuch zum Thema Biographie sind in den letzten Jahren erschienen.5  Nicht nur in der Geschichtswissenschaft wurde die Biographie neu entdeckt, für die Politikwissenschaft gilt partiell ähnliches.6
In der neuen biographischen Forschung sind neben Einzelbiographien auch Kollektivbiographien, Biographien nicht prominenter, „unbekannter“ Männer und Frauen und sogar Biographien von Städten bzw. Räumen in den Fokus getreten. Kennzeichnend für die neuere biographische Forschung ist die „durchgängige Kontextualisierung von Lebensläufen“7. Gerade diese Kontextualisierung fordert verschiedene wissenschaftliche Disziplinen heraus und verweist auf ein hohes Maß von Interdisziplinarität.8 Die Biographie steht an der Schnittstelle verschiedener Geschichts-, Kultur- und Geisteswissenschaften. Sie greift auf Konzepte der Alltags- und Mentalitätsgeschichte, aber beispielsweise auch auf Nachbardisziplinen wie Psychologie, Soziologie und Verhaltensforschung zurück.9 Im Mittelpunkt unserer Diskussion stehen deswegen Fragestellungen, die vor allem nach unterschiedlichen Biographieformen und Interdisziplinaritäten fragen.
Die Arbeitsgruppe „Biographien“ trifft sich einmal monatlich und steht Studierenden der Sozial- und Geisteswissenschaften offen. Im Zentrum stehen Theoriesitzungen, in denen ein übergreifender Bezug zu den Promotionsprojekten hergestellt werden soll. Zudem soll Raum geschaffen werden für die Besprechung und die kritische Reflexion einzelner Textabschnitte der verschiedenen Promotionsprojekte.

 

1 Vgl. Etzemüller, T.: Biographien. Lesen-erforschen-erzählen, Frankfurt a. M. 2012 , S. 11.    

2 Vgl. Etzemüller, T.: Biographien, S. 11.

3 Vgl. Ebd., S. 12.

4 Vgl. Ebd., S. 12.

5 Vgl. etwa: Röckelein, Hedwig: Der Beitrag der psychohistorischen Methode zur „neuen historischen Biographie“, in: Dies. [Hrsg.]: Biographie als Geschichte, Tübingen 1993, S. 17-38; Tischner, Helmuth: Im Spannungsfeld von Individuum und Gesellschaft. Aufgaben, Themenfelder und Probleme technikbiographischer Forschung, in: Füßl, Wilhelm/ Ittner, Stefan [Hrsg.]: Biographie und Technikgeschichte, Leverkusen 1998, S. 42-58; Szöllösi-Janze, Margit: Lebens-Geschichte – Wissenschafts-Geschichte. Vom Nutzen der Biographie für die Geschichtswissenschaft und Wissenschaftsgeschichte, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 23, 2000, S. 17-35; Bödeker, Hans Erich: Biographie. Annäherungen an den gegenwärtigen Forschungs- und Diskussionsstand, in: Ders. [Hrsg.]: Biographie schreiben, Göttingen 2003, S. 9-63; Etzmüller, Thomas: Die Form »Biographie« als Modus der Geschichtsschreibung. Überlegungen zum Thema Biographie und Nationalsozialismus, in: Ruck, Michael/ Pohl, Karl Heinrich: Regionen im Nationalsozialismus, Bielefeld 2003, S. 71-90; Lässig, Simone: Toward a Biographical Turn – Modern Historiography in Biography, in: German Historical Institute Bulletin 35, 2004, S. 147-155; Leckie, Shirley A.: Biography matters: Why Historians need well-crafted Biographies more than ever, in: Ambrosius, Lloyd E. [Hrsg.]: Writing Biography. Historians and their Craft, Lincoln/ London 2004, S. 1-26; Kraus: Geschichte als Lebensgeschichte, S. 311-332; Schwarz, Hans-Peter: Zeitgenössische politische Größen im Fokus der Biografen, in: Hildebrand, Klaus/ Wengst, Udo/ Wirsching, Andreas [Hrsg.]: Geschichtswissenschaft und Zeiterkenntnis. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Festschrift zum 65. Geburtstag von Horst Möller, München 2008, S. 607-625; Pyta, Wolfram: Biographisches Arbeiten als Methode: Geschichtswissenschaft, in: Klein, Christian [Hrsg.]: Handbuch Biographie. Methoden, Traditionen, Theorien, Stuttgart [u.a.] 2009, S. 331 Depkat, Volker: The Challenges of Biography: European-American Reflections, in: German Historical Institute Bulletin 55, 2014, S. 39-48.

6 Vgl. etwa: Pollak, Johannes/ Sager, Fritz/ Sarcinelli, Ulrich/ Zimmer, Annette [Hrsg.]: Politik und Persönlichkeit, Wien 2008; Bruckmüller, Ernst/ Wineroither, David M. [Hrsg.]: Biographie und Gesellschaft, Wien 2012.

7 Lässig, S.: Die historische Biographie auf neuen Wegen?, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 10 (2009), S. 540-553, hier: S. 540.

8 Vgl. Fetz, B.: Die vielen Leben der Biographie. Interdisziplinäre Aspekte einer Theorie der Biographie, in: Die Biographie – Zur Grundlegung ihrer Theorie, hg. v. Bernhard Fetz u. Mitarbeit v. Hannes Schweiger, Berlin/New York 2009, S. 3-69, hier: S. 9.   

9 Vgl. Fetz, B.: Die vielen Leben der Biographie, S. 7-8.

 

Veranstaltungen 2020

  • Methodensitzungen

Veranstaltungen 2019

  • Methodensitzungen
  • Juni 2019: Vortrag von Prof. Dr. Angelika Schaser (Hamburg) zum Thema "Die Biographie auf dem Weg von der „Krise der Geschichtswissenschaft“ zum neuen Masternarrativ“ 

Veranstaltungen 2018

  • Probe-Verteidigung von Daniela Blank und Rebecca Schröder
  • Methodensitzungen
  • Eventueller Museumsbesuch in Karlsruhe

 

Veranstaltungen 2017

  • Januar 2017: Workshop: Herausforderungen und Probleme des Genres
  • Im Rahmen des Kolloquiums von Frau Prof. Dr. Sylvia Paletschek findet am 24.01.2017 (16.00-18.00 Uhr im KG IV, ÜR 2) ein Vortrag von Dr. Levke Harders zum Thema "Biographische Illusionen: Historische Biographieforschung" statt.
  • Februar 2017: Vorstellung und kritische Besprechung einzelner Textabschnitte der Promotionsprojekte
  • 25. April 2017: Gastvortrag von Peter Kaiser
  • 18. Mai 2017: Besuch der Sonderausstellung des Augustiner Museums „Freiburg im Nationalsozialismus“ mit Fokus auf die Biographien verschiedener Freiburger Persönlichkeiten.
  • 20. Juni 2017: Besuch des Universitätsarchivs Freiburg, Gespräch mit dem Leiter Prof. Dr. Dieters Speck zum Thema Nachlässe und Ego-Dokumente
  • 18. Mai 2017: Besuch der Sonderausstellung zum Nationalsozialismus im Augustinermuseum Freiburg
  • Donnerstag, 16. November 2017: Vorstellung und Diskussion der Promotionsarbeiten von Daniela Blanck und Rebecca Schröder (Beginn 9.00 Uhr)
  • Mittwoch, 13. Dezember 2017: Vorstellung und Diskussion der Promotionsarbeit von Caroline Galm (Beginn 9.00 Uhr)
  • Mittwoch, 10. Januar 2018: Analyse der Biographie über Maria Theresia von Frau Prof. Dr. Stollberg-Rilinger (Beginn 9.00 Uhr)
  • Dienstag, 30. Januar 2018: Vortrag "Regentinnen hören auf, Frauen zu seyn, sobald sei den Thron besteigen" - Maria Theresias Biographie und die Ordnung der Geschlechter von Frau Prof. Dr. Stollberg-Rilinger im Kolloquium von Frau Prof. Dr. Paletschek (Beginn 16.00 c.t.)
     
  • In Planung:
Besuch der Sonderausstellung zu Carl Laemmle im Haus der Geschichte in Stuttgart

Gemeinsames Wochenende zur Besprechung unserer Doktorarbeiten im Uni-Haus Schauinsland

 

Veranstaltungen 2016

  • September 2016: Planungssitzung: Kurze Vorstellung der einzelnen Promotionsprojekte und Vorstellung des Semesterprogramms
  • Oktober 2016: Theoriesitzung: Unterschiedliche Biographieformen und Interdisziplinarität
  • November 2016: Theoriesitzung: Umgang mit Quellen v.a. Ego-Dokumenten
  • Dezember 2016: Theoriesitzung: Kontextualisierung und Erfahrungsdimension

 

Ansprechpartner

Leitung: Prof. Dr. Sylvia PaletschekSylvia.Paletschek@geschichte.uni-freiburg.de
  N.N.  


Doktorandensprecherinnen:

Katja Scholtz

katjascholtz@web.de

  Caroline Galm

CarolineGalm@web.de

 

 

Mitglieder der Arbeitsgruppe

Yasemin Dasci

Neuere und Neueste Geschichte

Deutsche Professoren an der Universität Istanbul (Dar-ül-fünun) 1915–1918: Ein Beispiel deutsch-osmanischer Wissenschaftsbeziehungen im späten Kaiserreich.

Caroline Galm

(Neuere und Neueste Geschichte)

Augusta – Visionärin ohne Macht? Eine politische Biographie der ersten deutschen Kaiserin.

Mirjam Höfner (assoziiert)

Universität der Bundeswehr, München

(Neuere und Neueste Geschichte)

Interventionen eines intellektuellen Selbst. Dorothee von Velsen (1883-1970).

Sebastian Hundt (assoziiert)

Universität Jena

(Neuere und Neueste Geschichte)

Otto Theodor von Manteuffel - Ministerpräsident der Gegenrevolution?

Jan-Frederik Markert (assoziiert)

Universität Bamberg

(Neuere und Neueste Geschichte)

Wer Deutschland regieren will, der muß es sich erobern" - Die politische Biographie Wilhelms I. und sein Einfluss auf die Transformation der Hohenzollernmonarchie 1840-1866.

Antonia Schilling

(Neure und Neueste Geschichte)

Helene Weber (1881-1962) – Eine Karriere zwischen  Kaiserreich und Bundesrepublik.

Katja Scholtz

Neure und Neueste Geschichte)

Geschichte der Friedens- und Menschenrechtsbewegungen in Baden ca. 1900-1933.

Rebecca Schröder

(Neuere und Neueste Geschichte)

Engelbert Krebs (1881-1950) – ein Freiburger Theologe in der Welt.

Sophie Stritzelberger

(Neuere und Neueste Geschichte)

Gesellschaftspolitische Frauenarbeit, Generation und Geschlecht: Die
Frauenbewegung in Freiburg (ca. 1890-1970).

Anton Weber

(Katholische Theologie)

Zur Rationalität katholischer Spätaufklärer innerhalb ihrer Kommunikationssysteme

 

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