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Arbeitsgruppe "Zeit – Leib – Performativität"

Die Arbeitsgemeinschaft Zeit – Leib – Performativität setzt sich die Aufgabe, aus unterschiedlichen Perspektiven der versammelten Fachdisziplinen – es seien etwa Germanistik, Philosophie, Romanistik und Theologie genannt – über das spannungsreiche Verhältnis des Phänomens der Zeit und des Leibes über den Begriff der Performativität nachzudenken und anhand markanter Beispiele (Tanz, Sport u. a. leibliche Phänomene bis hin zu philosophisch-theologischen Fragestellungen) zu diskutieren. Die leitende Frage kann dabei wie folgt lauten: Wie erscheint und zeitigt sich der menschliche Leib in seinen Vollzugsformen in Zeit und Welt – und umgekehrt: Wie erscheint das, was wir Zeit nennen, im menschlichen Leib? Es kann bereits an dieser Stelle deutlich werden, dass der phänomenologisch prägnante Begriff der „Zeitigung“ in eine produktive Nähe zum Begriff der Performativität rückt und dabei – dies wird zu untersuchen sein – neu kontextualisiert und fortgeführt werden kann. Die Relevanz, aber auch die Schwierigkeit der Thematik ergibt sich daraus, dass es sich bei der Zeit und dem Leib gewissermaßen um Konstanten des menschlichen Daseins handelt. Denn was Augustinus über die radikale Fraglichkeit der Zeit in deren alltäglicher Selbstverständlichkeit sagt, gilt nicht minder vom Phänomen des Leibes als dem „Schwierigsten“ (Heidegger), wie wir alle einen Leib ja nicht einfach nur und äußerlich haben, sondern vielmehr sind.

a) Zum Begriff der Performativität
Seit den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts bestimmt der Begriff des Performativen maßgeblich die Wissenschaftsdiskussion in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften und wird als sog. „performative turn“ verhandelt.
Der Begriff der Performativität brachte zunächst in den Kulturwissenschaften eine entscheidende Neuorientierung hinsichtlich der Forschungsperspektive, insofern erstmalig die Dynamik von kulturellen Prozessen erfasst werden konnte, ohne Prinzipien und Leitsysteme zu bestimmen, die diese Wandlungen vorgeben. Die sich anschließende Diskussion und die Rezeption in den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen ist weit verästelt, sodass die Forscher*innen die Unmöglichkeit einer einheitlichen Begriffsbestimmung konstatieren. Gerade deshalb sollen nach einer Sichtung verschiedenster Theorien einige zentrale Eigenschaften der für den Diskurs zentralen Begrifflichkeiten herausgearbeitet werden: Performativität wird als Konstituierungsprozess verstanden, der sich in seiner Ereignishaftigkeit und Flüchtigkeit, zwischen Intention und Emergenz schwankend, einer „Habbarkeit“ entzieht. Performative Akte konstituieren somit in einem aktiven Vollzug eine neue, nicht vorhersehbare (soziale) Wirklichkeit und erscheinen als Präsenz. V. a. im Kontext kultureller Konstituierung wird von poststrukturalistischen Denkern eine ontologische Vorgängigkeit abgelehnt und damit eine Abgrenzung zur Performanz, die ein Subjekt voraussetzt, markiert. Performativität rückt den bloßen Prozess in den Mittelpunkt und betont den Handlungs- und Vollzugscharakter. Insofern rücken die Aspekte der Körperlichkeit/Leiblichkeit und Zeitlichkeit in den Fokus.

b) Zum Phänomen der Zeit
Die Zeit stellt für den Menschen eine höchst ambivalente Dimension seines Lebens dar. Die Frage, ob sie eine real existierende Größe oder eine lediglich subjektive Dimension innerhalb der menschlichen Wahrnehmung darstellt, lässt sich kaum beantworten. Sicher ist nur, dass kein mit Subjektivität begabtes Wesen seinem Zeitbewusstsein entkommen kann. Von Ambivalenz geprägt ist aber nicht nur das theoretische Fragen nach der Zeit, sondern auch die individuell erfahrbare Zeitlichkeit. Einerseits bietet die Zeit dem Menschen eine Chance zur Entwicklung seiner Möglichkeiten und Interessen, andererseits begrenzt sie diese auch und treibt das Leben seinem Ende entgegen. Aristoteles sprach sowohl vom „Zahn der Zeit“, der das Leben dem Vergessen und dem Verfall preisgibt, als auch von der Zeit als dem „Entdecker guter Dinge“ (Aristoteles). Darin kommt zum Ausdruck, dass der Mensch kraft seiner Vernunfttätigkeit das Vermögen besitzt, die Zeit gemäß seinen Interessen zu gebrauchen und zu ordnen, dass er dem „Zahn der Zeit“ als körperlich-leibliches Wesen letztlich aus eigener Kraft aber nichts entgegenzusetzen hat. Damit wird bereits ein bestimmtes Vorverständnis thematisch, was Zeit eigentlich sei. Dieses Vorverständnis gilt es jeweils zu hinterfragen bzw. als solches reflexiv zu machen, zumal die Frage nach der Zeit – ein Grundthema der abendländischen Geistesgeschichte – aus mannigfaltigen Perspektiven und mittels diverser Theorieansätze betrachtet werden kann.

c) Zum Phänomen des Leibes
Im eigenen Leib erfährt der Mensch den Fortlauf der Zeit, in prägnanter Weise etwa im Prozess des Alterns: Von der Geburt als Eröffnung individueller Lebenszeit bis in den als gewiss angesehenen und als solchen auf einen zukommenden Tod. In dieser Spanne seiner individuellen Lebenszeit existiert der Mensch mit einem Körper als Leib – ob gnadenhaft eingelassen oder geworfen – in der Weltzeit (Blumenberg). Durch diesen Leib, der der Mensch wesentlich ist, erfährt er entdeckend sich selbst (Selbstwelt), den anderen (Mitwelt) und die ihn umgebende Welt (Umwelt) – bis zum Überstieg auf das Ganze der Wirklichkeit und den, so eine mögliche theologische Bestimmung, diese Wirklichkeit tragenden Grund: Gott, der christlich gedacht im Juden Jesus von Nazaret in einem konkreten Leib Fleisch geworden ist.
Das Eingelassensein des Menschen in die geschichtlich verfasste Weltzeit hinterlässt ihre Spuren im Leib – von der Gewalt der Zeit beherrscht, vom „Zahn der Zeit“ verzehrt und eingespannt in ihrem „Rad“. Zugleich aber vermag der Mensch diese grundlegende Passivität zu ergreifen und sich aktiv in Zeit und Welt zu vollziehen, bleibende Akte zu setzen und eine Wirklichkeit zu zeitigen, die aus ihm und durch ihn, das aber heißt: aus und durch den Leib entspringt und dabei eine leibliche Wirklichkeit konstituiert. Eine aktive und passive Zeitigung vollzieht und erfährt also der Mensch als Leib in seinen mannigfaltigen Lebensvollzügen, worin er durch seinen Leib, der er ist, Zeit und Welt erfährt und seine Selbst-, Mit- und Umwelt nach außen zu vermitteln vermag.
Diese Perspektive auf den Leib gewinnt im Zuge der Erkenntnis- und Sprachkrise um 1900 – wesentlich vermittelt durch Friedrich Nietzsche – an Bedeutung. Insbesondere die von Nietzsche initiierte Lebensphilosophie, aber auch – und vielleicht wirkungsgeschichtlich bedeutender – die von Edmund Husserl eröffnete phänomenologische Bewegung haben den Leib im Unterschied zum Körperding einen gewichtigen Stellenwert eingeräumt, der bis zu diesem Zeitpunkt zwar latent über die jüdisch-christliche Tradition in der abendländischen Geistesgeschichte vermittelt und anwesend, allerdings durch u. a. platonisch-cartesianisch-dualistische Tendenzen zumindest überlagert worden war.
Die fundamentale Bedeutung des Leibes äußert sich in den verschiedensten Lebens- und Kulturbereichen, beispielsweise in der Begeisterung für nonverbale Ausdrucksformen in den Künsten: Während sich die Sprache eines begrenzten Ausdruckssystems bedient, das oft in formelhaften Äußerungen, in Allgemeinplätzen, mündet, können Gesten, Mimik oder rhythmische Bewegungen unmittelbar wirken und Gefühle bzw. innere Zustände durch den Leib ungefiltert nach außen tragen. Anhand dieser Gegenüberstellung werden die Grenzen, aber auch Möglichkeiten menschlicher Kommunikationsstrukturen deutlich, die sich jenseits der Begriffssprache bewegen. Der Blick auf den menschlichen Leib als alternatives Code- und Kommunikationssystem zur Sprache wirft zudem die Frage nach einem möglichen Zugang zur Wirklichkeit auf. Denn jeder sprachliche Ausdruck birgt in sich schon eine Vorverkörperung der Realität, was zur Folge hat, dass das, was das Subjekt erlebt und durch die Sprache ausdrücken will, durch den Begriff bereits vorgeformt ist. Demgegenüber steht der Augenblick, der beispielsweise im performativen, unwiederholbaren Akt des Tanzes, nicht nur durch den Leib erfahrbar wird, sondern bei dem gleichzeitig der Leib auch das Medium ist, das dieses Erlebnis vermittelt und das Erlebte somit unmittelbar ausdrückt.

 
 

Veranstaltungen 2017

  • Monatliche Theorie-Sitzungen zu verschiedenen Themen.

 

 

Ansprechpartner

Leitung: Prof. Dr. Magnus Striet magnus.striet@theol.uni-freiburg.de
  Prof. Dr. Rolf Kailuweit rolf.kailuweit@romanistik.uni-freiburg
  Dr. phil. Marion Mangelsdorf gender@uni-freiburg.de


DoktorandensprecherInnen:

Peter Paul Morgalla Peter.Morgalla@theol.uni-freiburg.de
  Anne K. Frenk Anne.Frenk@theol.uni-freiburg.de

 

 

Mitglieder der Arbeitsgruppe

Tobias Bartole

Fundamentaltheologie

 

Anne K. Frenk

Religionspädagogik und Katechetik

 

Peter Paul Morgalla

Dogmatik und Liturgiewissenschaft

 

Melina Riegel

Romanische Literaturwissenschaft

 

Christine von Lossau

Neuerer deutscher Literaturgeschichte

 

 

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